Wer nicht dünn ist, ist auch nicht schön. Stimmt das denn überhaupt? Menschen, die aufgrund ihres Körpergewichts nicht der Norm entsprechen, die uns durch Medien suggeriert wird, werden von ihrem Umfeld oft ausgeschlossen und zusätzlich selbst für ihr Übergewicht verantwortlich gemacht. Das nennt man Body Shaming. Diese Sichtweise ist nicht nur sehr einseitig, sondern in dieser Kombination auch doppelt verletzend.

Die Body Positivity Bewegung kämpft gegen Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts

Ursachen von Body Shaming

Nicht jeder entspricht dem schlanken Schönheitsideal. Wissenschaftler sind sich entgegen der Meinung der populären Mehrheit jedoch einig, dass daran nicht die einzelne Person schuld ist, sondern veränderte „Nahrungs- und Lebensverhältnisse“. Trotzdem vermuten viele Menschen den Grund für Übergewicht bei der Person selbst. Dies führt dazu, dass diesen Personen mangelnde Willensstärke zugeschrieben wird und gleichzeitig auf zu kurz gedachte Lösungen hingewiesen wird. Dieser Trugschluss ist tief in unserem Denken verankert, wie eine repräsentative Forsa-Umfrage der DAK belegt:

Vorurteile gegenüber dicken Menschen

Diagramm: Wahrgenommene Gründe für die Zunahme an übergewichtigen Menschen Diagramm: Wahrgenommene Gründe für die Zunahme an übergewichtigen Menschen

Die wahren Ursachen liegen erwiesenermaßen an anderer Stelle

Vor allem starkes Übergewicht kann in der heutigen Zeit verschiedenen externen Faktoren zugeschrieben werden. Dazu gehören beispielsweise mangelnde Maßnahmen auf gesellschaftlicher und auf kommunaler Ebene sowie eine nicht ausreichend ausgeprägte Infrastruktur.

  • Mangelnde Begrenzung von Zucker in Lebensmitteln
  • Keine eindeutige Nährwertkennzeichnung
  • Nicht genügende Qualitätssicherung des Schulessens
Gesellschaftliche Ebene
  • Mangelnder Schulsport
  • Schlechtes Angebot im Schulkiosk
  • Mangelhafte medizinische Vorsorge für Kinder
Kommunale
Ebene
  • Fehlende Radwege
  • Nicht ausreichend ausgeprägte Versorgung
  • Wenig öffentlicher Nahverkehr
Infrastruktur
Viele dicke Frauen und Männer haben mit Vorturteilen und Bodyshaming zu kämpfen Viele dicke Frauen und Männer haben mit Vorturteilen und Bodyshaming zu kämpfen

Einseitiges Schönheitsideal in
den Medien
sorgt für Ausgrenzung

Dazu kommt, dass das Schönheitsideal in den Medien, und dadurch auch im Denken vieler Menschen, mit „schlank sein“ gleichgesetzt wird. Dieselbe Forsa-Umfrage ergab, dass 71 Prozent aller befragten Deutschen stark übergewichtige Menschen als unästhetisch betrachten. Dass dieses Vorurteil zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führt, belegt ein weiteres Ergebnis der Studie: 15 Prozent aller Befragten gaben an, bewusst den Kontakt zu dicken Menschen zu meiden. 37 Prozent der Umfrageteilnehmer machten sich selbst Sorgen um ihr Gewicht und 17 Prozent aller Befragten waren selbst gerade auf Diät, um abzunehmen.

Diagramm: Vorurteile gegen Dickseinn Diagramm: Vorurteile gegen Dicksein
Schön heißt nicht automatisch schlank: Gegen einseitige Schönheitsideale in den Medien

Was sind die Folgen von Body Shaming für die Betroffenen?

Wer schon als Kind in der Schule – ob beim Sportunterricht oder auch bei Freizeitaktivitäten – ausgegrenzt wurde, empfindet seelischen Stress und hat mit Diskriminierung und Isolation zu kämpfen. Die permanente Erwartungshaltung des Umfeldes, „normal“ sein zu müssen, um dazuzugehören oder um Freunde zu finden, wirkt sich natürlich auch auf das Selbstwertgefühl aus. Die Kritik kommt sowohl von außen, durch Medien oder unfaire Mitschüler, so war laut einer Umfrage unter Schülern in den USA, Kanada und Island ein „zu hohes Körpergewicht“ der meistgenannte Grund für Mobbing und Diskriminierung unter Schülern.

Leider kommt dieses Feedback auch sehr oft aus dem eigenen Umfeld, da, wie eingangs erwähnt, die Ursachen und Lösungsvorschläge oft zu kurz gedacht sind. Dies können gut gemeinte Ratschläge von Eltern, Freunden oder Kollegen sein, wie „man solle doch nur ein bisschen mehr Sport machen, dann würde man glücklicher, schöner oder beliebter“. Leider verfehlen diese Aufforderungen den gewünschten Effekt und tragen stattdessen noch mehr zu psychischem Stress und Ausgrenzung bei. Denn die Botschaft ist auch hier: Wer dick ist, kann nicht schön oder glücklich sein.

Dass die Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts einer Person – und ja, auch gutgemeinte Ratschläge sind eine Form der Diskriminierung – und die Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit nun auch ernstgenommen werden, haben wir vor allem Aktivisten aus den USA zu verdanken, die ein Umdenken angeregt haben. Die Bodypositivity-Bewegung entstand aus dem eigenen Bedürfnis vieler Plus-Size-Personen, es nicht mehr hinzunehmen, einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen.

Eine wahre Veränderung braucht das Umdenken auf beiden Seiten.
Der folgende offene Brief ist als ein „gutgemeinter“ Ratschlag zu verstehen.

Ein offener Brief gegen „freundliches“ Body Shaming

Wir haben mit drei Bloggern gesprochen, die diese Äußerungen tagtäglich hören, und zusammen mit ihnen ist dieser offene Brief entstanden. Er richtet sich an Freunde, Arbeitskollegen und Familienmitglieder. Er ist keinesfalls als Angriff zu verstehen, sondern möchte erklären, wie betroffene Menschen sich in diesen Situationen fühlen und wie jeder durch das Überprüfen des eigenen Verhaltens dazu beitragen kann, unsere Gesellschaft diverser und aufgeschlossener zu gestalten.

Liebe Freunde,

Zu dick, zu „anders“ – täglich wird unser Äußeres kommentiert. Uns wird suggeriert, dass wir unser Selbstwertgefühl nur über einen schlankeren Körper steigern können, dass wir uns ändern sollen. Hier was kaschieren, da lieber den Salat bestellen. Wir wissen, ihr meint diese Ratschläge nicht böse. Trotzdem möchten wir, dass ihr damit aufhört. Hier ist, warum:

Dick sein und schön sein schließen sich nicht gegenseitig aus.

Nur weil wir dem gängigen, dem schlanken, Schönheitsideal nicht entsprechen, heißt das nicht, dass wir uns nicht als schön empfinden. Es gibt nun mal verschiedene Körperformen. Wenn ihr das nicht schön findet, ist das nicht schlimm. Es mag auch nicht jeder Koriander. Was wir einfordern, ist, dass ihr einmal überdenkt, woher ihr eure Vorstellung von „schön“ bezieht, und ob es da nicht Spielraum für mehr als eine Körperform gibt. Live and let live!

Nimm ab, dann bist du glücklicher!

Wie oft haben wir das gehört. Vielleicht wollen wir uns eurem Schönheitsideal gar nicht anpassen. Zum glücklich sein gehört viel mehr, als nur, einem bestimmten Ideal zu entsprechen. Wir sind glücklich, wenn ihr uns nicht über unser Äußeres definiert. Überlegt mal: So ein Ratschlag meint: „Du bist so nicht in Ordnung“. Wir wissen, euer Anstoß ist sicher fürsorglich gemeint, aber er kommt ganz anders an – von oben herab. Euch liegt unser Glück am Herzen? Behandelt uns als gleichwertig.

Das kann doch nicht gesund sein!

Erstens ist Übergewicht nicht gleich Übergewicht. Nur weil wir eine Übergröße tragen, heißt das nicht, dass wir aus dem Grund gesundheitlich gefährdet sind. Dies trifft auch auf Ärzte zu, die uns ohne weitere Diagnose schnell mal aus der Praxis komplementieren, und wir erst nach einer langen Odyssee feststellen, dass das Problem ein ganz anderes war.
Zweitens ist eine solche Bemerkung übergriffig, bitte mischt euch nicht in unsere persönlichen Angelegenheiten ein.

Cool, dass du dich traust…

Ja, warum denn nicht? Warum denn keinen Bikini oder kurze Hosen am Strand tragen? Oder anders gefragt: Was sollen wir denn sonst anziehen? Aber mal im Ernst, diese Aussage suggeriert: „Das solltest du nicht tragen“. Machen wir aber trotzdem. (Und ja, es hat uns ganz bestimmt viel Selbstüberwindung gekostet).

Du machst Sport?

Jetzt aber mal Butter bei die Fische: Wie wir es tun, ist es verkehrt. Machen wir keinen Sport, sollten wir mal „so einen Kurs“ ausprobieren. Joggen wir im Park an euch vorbei, gibt es große Augen. Natürlich treiben wir Sport, übrigens nicht immer mit dem Ziel abzunehmen. Bewegung ist auch gut fürs Hirn. smile

Wie geht man mit solchen
Kommentaren
um?

Viele Menschen, die von anderen mit ihrem Körper konfrontiert werden, wissen nicht recht, was sie dazu erwidern sollen. Von unseren Plus-Size-Bloggern erfahrt ihr, mit welchen Kommentaren sich dickere Menschen am meisten herumschlagen müssen, und wie man mit solchen Situationen am besten umgeht.

Susanna Niklas - Fashion Bloggerin & Influencerin Susanna Niklas - Fashion Bloggerin & Influencerin
Du bist so dick, das ist doch ungesund!

„Du kennst mich doch gar nicht. Wieso solltest du also beurteilen können, wie es mir gesundheitlich geht?“

Im Falle von Body-Shaming-Kommentaren sollte man meiner Meinung nach sachlich bleiben. „Deeskalieren“ könnte man das auch nennen.
Denn wenn man sich davon aufbringen lässt und entsprechend auf solche Kommentare reagiert, erlangt Body Shaming viel mehr Aufmerksamkeit, als es der Fall sein sollte.

Susanna Niklas, Bloggerin bei anna-curve.de
Claus Fleissner - Fashion Blogger & Influencer Claus Fleissner - Fashion Blogger & Influencer
Du machst Sport?

„Na klar, auch dicke Jungs wollen sich bewegen und fit sein — ins Gym zu gehen hat ja nichts damit zu tun, abnehmen zu wollen!”

Cool, dass du dich das traust (z.B. auf wilde Outfits bezogen)

„Danke!” — Mehr sage ich dann nicht. Das ist ja immer als Kompliment gemeint. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, setzt das ja voraus, dass ich mich anders verhalten sollte als schlanke Männer.

Claus Fleissner, Blogger bei extra-inches.de
Katharina Sudi - Fashion Bloggerin & Influencerin Katharina Sudi - Fashion Bloggerin & Influencerin
Dicke sind faul und
gehen nur bei McDonald’s essen!

„Ab und zu gönn ich mir McDonald‘s, aber meistens achte ich sehr auf meine Ernährung. Ich will nämlich nicht zunehmen oder aus der Form kommen. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und bewege mich zum Ausgleich zu meinem Beruf als Buchhalterin im Büro.“

Katharina Sudi, Bloggerin bei ms-curvylicious.com
Susanna Niklas - Fashion Bloggerin & Influencerin Susanna Niklas - Fashion Bloggerin & Influencerin
Mit deiner Figur kann
man doch keinen Bikini tragen!

„Kann ich nicht? Aber ich trage doch einen Bikini. Wie du siehst, geht das doch. Ich bin nicht der Meinung, dass ich mich verstecken sollte!“

Meistens verbergen sich hinter diesen Ratschlägen versteckte Body-Shaming-Botschaften. Im Endeffekt zielen diese Kommentare jedoch darauf ab, dass man sich und seine Figur verstecken sollte bzw. sich „vorteilhafter“ präsentieren sollte. Allerdings sollte jeder das tragen, womit er sich wohl fühlt. Und wenn das ein kurzes knalliges Crop Top ist, dann ist das genauso in Ordnung wie ein langes schwarzes T-Shirt.

Susanna Niklas, Bloggerin bei anna-curve.de

Unsere Experten

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  • Katharina Sudi - Fashion Bloggerin & Influencerin Katharina Sudi - Fashion Bloggerin & Influencerin
    Katharina Sudi – Bloggerin ms-curvylicious.com

    Hi, ich bin Katharina und blogge seit drei Jahren auf ms-curvylicious.com in Österreich. Mode war schon immer mein Wegbegleiter und nun möchte ich anderen dabei helfen, sich selbst so zu akzeptieren wie sie sind, und einfach das zu tragen, was ihnen gefällt – ganz egal, was andere denken.

  • Claus Fleissner - Fashion Blogger & Influencer Claus Fleissner - Fashion Blogger & Influencer
    Claus Fleissner – Blogger extra-inches.de

    Hey, ich bin Claus vom extra-inches.de Modeblog. Ich stehe für die Akzeptanz aller Körperformen in den Medien, Body Positivity und kreative Outfits. Mein Motto „Accept Your Extra Inches – Love Yourself“ lebe ich in meinen sehr bunten und gewagten Outfits. Plus Size und Spaß an Fashion muss sich nicht gegenseitig ausschließen.

  • Susanna Niklas - Fashion Bloggerin & Influencerin Susanna Niklas - Fashion Bloggerin & Influencerin
    Susanna Niklas – Bloggerin anna-curve.de

    Hallo, ich bin Anna vom Modeblog anna-curve.de, wo ich seit 2016 hauptsächlich über Mode für kurvige Frauen berichte. Von Größe 42 bis 52 habe ich bereits alles getragen und mich dabei nie hinter unförmigen Klamotten versteckt. Fühlt euch wohl in eurem Körper – wenn die Ausstrahlung stimmt, sehen wir in allem bezaubernd aus!